Füreinander

Ich mach`s besser

Seit Februar hat das Mannheimer Eintanzhaus eine eigene Junior Dance Company. Gemeinsam erarbeiten die Jugendlichen ein abendfüllendes Stück, das Ende Juni uraufgeführt wird. Ein Besuch bei der ersten Probe.

Tatsächlich! Was Éric Trottier und Jonas Frey schon befürchtet hatten, ist ein- und kein einziger Junge angetreten. Jede Menge Mädchen wollen mitmachen bei der Junior Dance Company des Eintanzhauses. Aber kein Junge. Wirklich keiner. Ein bisschen ratlos macht das schon. „Warum?“, fragt Jonas Frey, der künstlerische Leiter, in die Runde. „Gibt es keine Jungs mehr, die tanzen?“ Acht Mädchen zwischen 13 und 19 Jahren zucken die Schultern. „Ich kenne zwei oder drei, die könnte ich mal fragen“, sagt schließlich eine von ihnen. Zwei oder drei. Mal fragen. Das ist nicht das, was Jonas Frey sich erhofft, aber genau das, womit er schon gerechnet hatte: Die Spezies des tanzenden männlichen Teenagers ist rar geworden. Wie konnte das passieren?



Ein Erklärungsversuch im Büro des Eintanzhauses wenige Tage vor diesem ersten Training des Nachwuchsensembles der freien Bühne in der Trinitatiskirche. Jonas Frey, 34, Tänzer und Tanzpädagoge, sitzt mit seiner Kollegin Julie Pécard, 31, am Besprechungstisch. Sie werden die Junior Dance Company künstlerisch leiten. Mit dabei: Éric Trottier, der Mitbegründer des Eintanzhauses und Chef des La_Trottier Dance Collectives. Das Talent-Team ist seine Idee, und sie speist sich aus seiner Biographie. Er war an seiner kanadischen Highschool selbst Teil eines solchen Ensembles – als einer von zehn Jungs. „Wir waren schon mal weiter“, findet er. „Das waren andere Zeiten damals.“ Trottier redet von den frühen 80ern: „Michael Jackson hat uns inspiriert, es war die Zeit von The Cure und Boy George, im Kino lief Flashdance.“



Es ist kurz vor 21 Uhr. Fahles Flutlicht fällt auf das Trainingsgelände des TSV Neckarau im Südwesten Mannheims. Gerade hat Trainer Tuncay Soylik die Einheit seiner A-Jugend-Mannschaft beendet. Im Strafraum liegen noch die weiß-roten Slalomkegel. Die Politik, die Talkshows, die Debatte um Mesut Özil: All das wirkt sehr weit weg. Hier an der Fußball-Basis zählen andere Dinge. „Wenn es so was wie entscheidende Tore im Verlauf einer Saison gibt, dann hat Yousef sicherlich eines der wichtigsten für uns geschossen“, sagt Soylik. Im entscheidenden Spiel hatte der 17-Jährige mit dem Lockenkopf seiner Mannschaft in der Nachspielzeit den Sieg und damit den Aufstieg in die Landesliga gesichert. Als erste Fußball-Jugendmannschaft des TSV Neckarau. Und als fairste Mannschaft der Saison. Yousef, der als minderjähriger Flüchtling nach Mannheim gekommen war. Damals, im Herbst 2015.

Das fehlende Puzzleteil, das perfekt passt

Heute fehlten diese Role Models, glaubt auch Frey. Seine eigenen Idole sah er in den 90ern auf Video: Breakdancer, „die unglaubliche Sachen machten. Ich hab‘ die Bänder vor- und zurückgespult, bis sie ausgeleiert waren, um zu kapieren, wie das ging. Dann hab‘ ich es probiert, bin hingefallen und hab es wieder probiert, bis ich es konnte.“ Und bis er es seinen Kumpels beibringen konnte, die ihm im Gegenzug ihre Tricks verrieten. Tanzen als Jungs-Sport, als Alternative zu Fußball und Hockey. Er glaubt: „Derzeit sehe ich das zwar nicht, aber es wird auch wieder eine Welle kommen, die die Jungs zum Tanzen zurückbringt, weil sie es cool finden.“ Darauf warten kann er allerdings nicht. Die Junior Dance Company hat mit der Arbeit begonnen, denn die Zeit drängt. Am 29. Juni ist die Premiere eines abendfüllenden Tanzstücks, das erst noch entwickelt werden will. Die Tür der Trinitatiskirche steht für Jungen zwischen 14 und 18 aber weiter offen.



Ein Nachwuchsensemble gehörte von Beginn an zum Konzept des 2017 eröffneten Eintanzhauses, das ein Zentrum des zeitgenössischen Tanzes mit eigener Compagnie, hohem künstlerischem Anspruch und aufsehenerregenden Gastspielen sein will, aber auch ein Ort mitten in den Quadraten für jeden und jede mit Spaß an der Bewegung. Tanz für Vierjährige ebenso wie für 94-Jährige – mit Profitraining und Amateur-Kursen für Kinder und Erwachsene, aber auch mit Formaten wie der „Greyzies Night“, in der die Generation Ü50 zu Discomusik durch das Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in G4 wirbelt. Die Junior Dance Company ist das noch fehlende Puzzleteil, das perfekt passt. „So viele Jugendliche haben den Traum, Tänzer zu werden, aber keine Ahnung, was das bedeutet, und keinen Einblick in die Realität und den Berufsalltag. Gerade im zeitgenössischen Tanz gibt es da nicht viele Möglichkeiten und Angebote“, sagt Éric Trottier. „Wir wollen ihnen hier diesen Einblick geben, ihnen unter professionellen Bedingungen Techniken und Fähigkeiten vermitteln, sie anleiten, dass sie sich selbst weiterentwickeln.“

Text: Ute Maag, Fotos: Elmar Witt

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