Pfälzer Feinschliff

Story

Pfälzer Feinschliff

Seine Messer sind nicht nur Schneidwerkzeuge. Es sind edelste Kunstwerke aus reiner Handarbeit, die allerhöchste Ansprüche an Funktion und Ästhetik erfüllen. Wer bei Stefan Santangelo ein Unikat in Auftrag gibt, der hat vor allem zwei Dinge: Zeit und hohe Erwartungen.

Die Klinge rutscht durch ein Blatt Papier wie ein Lötkolben durch Butter. Ein Werk ist vollendet. Und ein Könner zufrieden. In der kleinen Werkstatt im beschaulichen Weinörtchen Maikammer betreibt der Pfälzer mit italienischen Wurzeln eine besondere Manufaktur. Hier entstehen, meistens nach Feierabend oder am Wochenende, Messer von maximaler Härte und Schärfe, die bereits mehrfach ausgezeichnet wurden. Der gelernte Metallbaumeister hat sich als Messerschmied einen wohlklingenden Namen gemacht. Seine Kunden: vor allem Jäger und Sammler. Aber auch ein Restaurant in Kallstadt und ein Liebhaber in der Schweiz schwören auf seine Kreationen.

Es gebe vielleicht noch 20 andere in Deutschland, die sowas können, sagt der 48-Jährige, als er eine Auswahl wunderschöner Damaszenermesser präsentiert. Hier in der umgebauten Garage an einem kleinen Hinterhof neben dem Elternhaus an der südlichen Weinstraße hat Stefan Santangelo seiner Leidenschaft Raum gegeben. Beruflich fertigt er vor allem Geländer, Tore und Möbel. Vor 15 Jahren hat er damit begonnen, selbst Messer zu schmieden. Alles aus einer Hand. Sukzessive wurden das Equipment erweitert und die Fähigkeiten verfeinert.



Messer für Jäger und Sammler

Geboren ist er im nahen Edenkoben. Ein Steinwurf entfernt. Auch der Vater war in der „heavy-metal“-Branche tätig, hat als Schweißer unter anderem Landmaschinen auf Vordermann gebracht. Schon mit zehn hat der kleine Stefan zugeschaut und geholfen. Nach der Schule hat er in einer lokalen Schlosserei und Kunstschmiede angefangen. Dann kam das scharfe Hobby hinzu. Eins kam zu anderen. 2008 hatte er seine erste Ausstellung in Maikammer, die ersten Privatkunden klopften an. Inzwischen haben sich seine Qualitäten herumgesprochen. Die Wartezeiten wurden länger. Ein halbes Jahr muss man sich in der Regel schon gedulden.

„Die meisten Kunden kenne ich persönlich. Sie kommen in die Werkstatt, schauen sich um. Manche holen ihre Messer auch direkt in Maikammer ab.“ Dafür kommen sie zum Teil von weit her. Sie wollen den Mann kennenlernen, der ihr Einzelstück entworfen und gefertigt hat. Den Vater der Klinge, der aus archaischen Materialien etwas Großes, etwas Außergewöhnliches schafft. Drei Tage dauert es, bis ein Messer fertig ist. Einst galten Schmiede als Menschen, die mit den Göttern paktierten. Weil sie rohe Materie in zivilisatorische Errungenschaften wie Klingen und Pfeilspitzen verwandeln konnten. Santangelos Komplizen sind Eisen, Holz und Feuer. Wenn der Stahl in der Esse glüht oder unter den Hammerschlägen die Funken sprühen, weil kleine Sauerstoffbläschen aus dem Werkstoff platzen, ist der Schmied in seinem Element. Man spürt seine stille Begeisterung für die perfekte Vereinigung seiner Materialien, für millimetergenaue Detailarbeiten und sogar für das permanente Risiko, dass beim kleinsten Fehler alles zerstört sein könnte. Eine zu hohe Temperatur, ein zu tiefer Schliff oder zu wenig Regeneration des Stahls vor dem nächsten Bearbeitungsschritt – und das Projekt sackt zurück auf Stufe null.

Am Anfang ist das Feuer

Am Anfang ist das Feuer. Ein unscheinbares Päckchen aus Flachstählen, die aus fünf einzelnen Lagen verschweißt wurden, wandert in die heiße Glut. Dunkler, manganhaltiger Werkzeugstahl und hellerer Nickelstahl werden bei 1.200 Grad feuergeschweißt. Die Königsdisziplin des Schmieds. Um den Sauerstoff fernzuhalten, wird der Klumpen mit Quarzsand berieselt. „Sonst würde das Eisen verbrennen“, erklärt Santangelo. Ab zirka 1.600 Grad wird es gefährlich. Nach dem Ausschmieden von Hand oder mit dem Lufthammer – das spart Kraft und Zeit – wird das Material von Zunder und Schmutz befreit und erneut zusammengefaltet. „Ausrecken“ nennt das der Experte. Dann geht es im gleichen Rhythmus weiter. Schmieden, schneiden und übereinanderlegen. Fünf mal fünf mal fünf, und so weiter. So vervielfacht sich die Lagenzahl schnell. Schon bald liegen über 300 feinste Stahlblätter übereinander. In der Mitte das harte Mangan. Immer wieder muss der Stahl erhitzt werden, weil er bei der Bearbeitung auf dem Amboss schnell abkühlt.


Foto: Kai Mehn

Um die Stabilität des Messers zu erreichen, wird das Stahlgemisch gehärtet. Nach dem Erhitzen auf 840 Grad wird es mit Härteöl abgeschreckt, damit das Messer die nötige Homogenität und Flexibilität erhält. Später wird es bei 180 Grad in einem normalen Backofen ausgelassen, um sich zu regenerieren. „Sonst würde es beim Herunterfallen zerspringen wie Glas“, sagt Stefan Santangelo. Nach einem Säurebad werden die besonderen Muster der Klinge sichtbar, da sich bei dieser Prozedur die Moleküle des jeweiligen Stahls verändern. Die feine Maserung spiegelt hunderte von Schichten. Zuvor hatte er mit der Flex vorsichtig Querrillen auf den Stahl gezeichnet, die später die charakteristische Struktur ergeben. Dieser Prozess ist nicht wiederholbar, jedes Messer ist einzigartig. Ein Stück weit ist dieser Effekt ein Zufallsprodukt.





Edle Patina, organische Ornamentik

Mit verschiedenen Bandschleifern wird der Rohling weiter bearbeitet. Langsam wird die Klinge als solche erkennbar. Der Schmied muss nun den Querschnitt und die finale Dicke definieren, ohne dabei das Damastmuster zu zerstören. Präzisionsarbeit. Zuletzt kommt der Feinschliff mit einer Diamantfeile. Eine Manschette aus Edelstahl bildet den Übergang zwischen Klinge und Griff. In der Werkstatt hat der Schmied viele Holzmuster als kleine Klötzchen gelagert. „Die besorge ich mir von überallher“, sagt er und zeigt Rohlinge aus uralter Mooreiche, aus Maserbirke oder seltenem Mammutelfenbein. In Kunstharz gegossen werden aber auch Maiskolbenblätter oder Muskatnüsse zu außergewöhnlichen Griffmustern verarbeitet.

Wie ein Plastiker aus Stein eine Skulptur freilegt, so befreit Santangelo aus dem Holz den Messergriff. Elegant geschwungen für ein Jagdmesser, etwas gerader für ein Kochmesser. Und deutlich kompakter für ein Taschenmesser, das durch seine Klappfunktion besonders schwierig in der Herstellung ist. Die organische Ornamentik der Klinge und die edle Patina des Holzes ergeben ein ästhetisches Gesamtkunstwerk von atemraubender Schönheit.

Die Lederetuis passen wie ein perfekt taillierter Maßanzug

Jedes Holz wird speziell behandelt, damit sich alle Poren schließen und das Material unter allen Bedingungen seine Form behält. In mehreren Arbeitsschritten wird der Griff geglättet und von allen Unebenheiten befreit. Das erfordert eine Menge Augenmaß und Erfahrung, zumal das Holz am fertigen Messer seine letzte Vollendung erlebt. Durch eine spezielle Imprägnierung wird die individuelle Maserung noch plastischer. Zuletzt wird der Griff mit hartem Wachs glänzend poliert. Am Ende ist der Übergang von Holz und Stahl auch mit der sensibelsten Fingerspitze nicht spürbar. Die Materialien haben nun auch haptisch zusammengefunden. Die Klinge erhält auf einem Schleifteller mit feiner Körnung ihre endgültige Schärfe. Der optimale Schleifwinkel beträgt 15 Grad. „Der Stahl darf auf keinen Fall zu heiß werden“, sagt Santangelo.

Bei aller Schärfe und Schönheit ist ein solches Messer aber nicht rostfrei. Das liegt am Kohlenstoffgehalt des Stahls. Durch sorgsame Pflege ist das Unikat für die Ewigkeit gerüstet. Stefan Santangelo liefert mit jedem Stück auch die optimale Pflegeanleitung dazu. Reinigen, Trocknen und Ölen nach dem Gebrauch ist Ehrensache. „Kamelienöl ist ideal“, sagt der Vater der Meisterstücke, der seine Kunstwerke regelmäßig auf dem Gartenmarkt in Maikammer präsentiert. Unter den Kunden sind nicht nur Jäger, die einen verlässlichen Begleiter benötigen, sondern auch viele Profi- und Hobbyköche, die ein edles und haarscharfes Werkzeug zu schätzen wissen. Auch die Lederetuis fertigt Stefan Santangelo in Handarbeit. Sie passen jeder Klinge wie ein perfekt taillierter Maßanzug. „Viele können es kaum abwarten, bis ihr Messer fertig ist“, so der Pfälzer. Es gab Kunden, die haben regelmäßig angerufen und gefragt, wie weit die Fertigung denn vorangeschritten sei. Einfach so, ohne Druck. Nur, um sich über den Zustand ihres neuen Freundes zu erkundigen.

Sicher, die Messer aus Maikammer haben ihren Preis. Aber auch die Vorfreude ist im Preis enthalten. Und im Grunde unbezahlbar.
www.santangelo-schmied.de

text: Thomas Tritsch, Fotos: Kai Mehn

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