Füreinander

Der Ball ist bunt

In der A-Jugend des TSV Neckarau spielen Jungs mit Wurzeln in 15 verschiedenen Ländern, darunter zwei afghanische Flüchtlinge. Integration ist hier kein Thema. Sondern selbstverständlich.

Sepp Herberger, Mannheimer und Weltmeister-Trainer von 1954, prägte den Satz: „Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.“ Sein Kapitän Fritz Walter schwieg vor dem „Wunder von Bern“ gegen Ungarn während der deutschen Nationalhymne beharrlich, dessen Bruder Ottmar kaute Kaugummi. Bei der Weltmeisterschaft 20 Jahre später im eigenen Land sang das komplette deutsche Team während der Hymne keinen Ton. Und dennoch diskutierten in diesem Sommer viele in Deutschland nach der aus deutscher Sicht verkorksten WM 2018 über das Singen und Nichtsingen, über deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln und „ihre“ Präsidenten, über vermeintlich fehlende Integration und Identifikation - und über Rassismus. Der Ball, er war zwar noch rund. Aber irgendwie auch deutlich mehr Schwarz-Weiß.

Es ist kurz vor 21 Uhr. Fahles Flutlicht fällt auf das Trainingsgelände des TSV Neckarau im Südwesten Mannheims. Gerade hat Trainer Tuncay Soylik die Einheit seiner A-Jugend-Mannschaft beendet. Im Strafraum liegen noch die weiß-roten Slalomkegel. Die Politik, die Talkshows, die Debatte um Mesut Özil: All das wirkt sehr weit weg. Hier an der Fußball-Basis zählen andere Dinge. „Wenn es so was wie entscheidende Tore im Verlauf einer Saison gibt, dann hat Yousef sicherlich eines der wichtigsten für uns geschossen“, sagt Soylik. Im entscheidenden Spiel hatte der 17-Jährige mit dem Lockenkopf seiner Mannschaft in der Nachspielzeit den Sieg und damit den Aufstieg in die Landesliga gesichert. Als erste Fußball-Jugendmannschaft des TSV Neckarau. Und als fairste Mannschaft der Saison. Yousef, der als minderjähriger Flüchtling nach Mannheim gekommen war. Damals, im Herbst 2015.

„Es ist egal, dass wir als Flüchtlinge kamen“

Der Verein hatte früh mit der Mannheimer Initiative „Sport verbindet uns“ Kontakt aufgenommen und bot in all seinen Sparten an, jugendliche wie erwachsene Geflüchtete ins Training aufzunehmen. Kostenlos. „Wir wollten den Jungs eine Abwechslung bieten“, erinnert sich Soylik, „Sprachkurse, Schulplätze: All das fehlte zu Beginn ja.“ Man initiierte eine Spendenaktion. Fußballschuhe, Trainingskleidung, Trikots: Jeder half mit beim Sammeln für die nahegelegene Unterkunft, in der die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten lebten. Thomas Müller, einer der beiden Jugendleiter in der Fußballabteilung des TSV Neckarau, organisierte ein Turnier. Jugendliche aus den Vereinsmannschaften kickten gemeinsam mit syrischen und afghanischen Jungs. Spielereltern hatten Kuchen gebacken. Man kommunizierte mit Händen und Füßen.

Text: Jan Zeller, Fotos: Daniel Wetzel

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