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Coffee to stay

Verwöhnaroma? Ein Krönchen auf der Packung?
Derlei Allgemeinplätze interessieren Kaffeekenner nicht die Bohne. Ihnen geht es um die richtige Mischung, um Röstverfahren und Zubereitungsvarianten. UBI BENE hat sechs Röstereien in der Metropol-region besucht und festgestellt: Der wahre Kaffee-Trend ist gutes Handwerk.

Kaffee ist jetzt also Lifestyle. Aha. „Unser Kaffee“, der generationenübergreifend mit dem „Verwöhnaroma“ Omas gutes Porzellan und ganze Familienfeste veredelte. Von der Werbung über Jahrzehnte zum Symbol der soliden Hausfrau verklärt, soll er im Jahr 2018 voll im Trend sein. So wie Flamingo-Prints auf Shorts und Hanfsamen im Müsli?

Von Passau bis Pellworm: Kaffee erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit, das belegen die Zahlen. Stolze 162 Liter trank jeder Deutsche statistisch allein im vergangenen Jahr: mehr als Wasser (143 Liter) oder Bier (102 Liter). Der deutsche Kaffeemarkt, 2017 mit einem Umsatz von rund 4.900 Millionen Euro, ist der viertgrößte der Welt. Tendenz: steigend. Die Wachstumsprognosen sind gut, und das beflügelt Investoren wie Startups gleichermaßen. Der deutsche Marktführer Tchibo spürt Aldi im Nacken und global wird hart gekämpft unter den „Big Playern“ wie Nestlé oder der JAB Holding, einem Unternehmen der Mannheimer Familie Reimann.



Renaissance regionaler Röster

Doch viel interessanter ist das, was sich gerade in unserer unmittelbaren Nachbarschaft abspielt. Im Windschatten des nationalen wie globalen „Höher, Schneller, Weiter“ erleben wir eine kleine, feine Renaissance des Röstens, Zubereitens und Kredenzens. Immer mehr lokale Röstmeister haben in der Metropolregion in den letzten Jahren ihre Trommeln angeworfen. In Mannheim wurde Helder & Leeuwen in kurzer Zeit zu einer festen Größe für Spezialitätenkaffees. Die Moha Kaffee-Rösterei in F2, 8 nahe des Mannheimer Marktplatzes feiert aktuell ihr zehnjähriges Bestehen und wurde jüngst vom renommierten „Feinschmecker“-Magazin unter die besten deutschen Kaffeeröstereien gewählt.


Eine traditionsreiche Institution ist die Privat-Kaffee-Rösterei Mohrbacher in Ludwigshafen. Nur noch sechs Jahre fehlen dem ehrwürdigen Haus zum 100-Jährigen. Seit 1933 wird bei Janssen Kaffee in der Heidelberger Hauptstraße geröstet. Beide haben schon viel mit- und überlebt. Zum Beispiel die horrenden Schwarzmarktpreise für Röstkaffee nach Kriegsende 1945. Bis zu 1.000 Tonnen des braunen Goldes sollen bis 1953 meist aus Belgien über Aachen und die Eifel nach Deutschland geschmuggelt worden sein, vorbei an oft überforderten Zöllnern. Es gab geschätzte 33 Tote und hunderte Schwerverletzte an der so genannten Aachener Kaffeefront. Befeuert hat das rege Grenztreiben im Land vor allem die hohe Steuer auf Kaffee. Ein Kilo Röstkaffee bekam man seinerzeit in Belgien für rund acht Mark, in Deutschland kostete es 16 Mark. So rannten neben organisierten Schmugglern selbst Kinder und Jugendliche oft aus Not und Armut mit einzelnen Säcken nachts über die Grenze. Erst als die Abgaben mit Beginn der zweiten Amtszeit Konrad Adenauers von zehn auf vier Mark pro Kilo gesenkt wurden, hatte der Kaffeeschmuggel im großen Stil in der noch jungen Bundesrepublik ein Ende. Heute liegt die Steuer bei 2,19 Euro pro Kilo Röstkaffee – und auch die Aachener trinken ihren Kaffee in Frieden.

Die alten Zeiten, sie sind weit weg für die junge Röster-Generation. Sie prägt heute vor allem den Trend zur Rösterei mit eigenem Café: ein lukrativer Markt, denn jede vierte Tasse Kaffee wird in Deutschland außer Haus getrunken. In der Schwetzinger Vorstadt steigert die Lauri Kaffeerösterei mit rohen Klinkerwänden innen und lässigen Holzbänken außen den Wohlfühlfaktor des Mannheimer Viertels. Ebenfalls eigene Röstungen gibt es bei Agáta in Neuostheim in skandinavischem Interieur mit Retro-Edison-Glühbirnen. In der Mannheimer Textilerei in C4, 6 kann man seit April das Shoppen mit einem Cold-Brew-Kaffee von Pourista geschmacklich abrunden. Und in der Unteren Straße in Heidelbergs Altstadt finden Kaffeeliebhaber mit Rada Coffee & Rösterei seit Juli 2017 die wohl kleinste Rösterei der Region.

Genießer schätzen Individualität und Authentizität

Unser Verhältnis zu Lebensmitteln verändert sich: weniger „Geiz ist geil-Mentalität“, dafür mehr gewünschte Transparenz beim Produkt und Lust am Genuss. Den Gang mal rausnehmen, dafür ganz nah dran sein am Metzger, Käser oder Winzer. Essen als Statussymbol. Zwar geben wir laut Statistik in den letzten Jahren nur marginal mehr Geld für Lebensmittel aus, aber wir gewichten anders und zugunsten bestimmter Produkte. Kaffee gehört dazu.

„Mehr Gefühl“ gilt also bei Kauf und Konsum, und individuell wollen wir sein. So spielt ein authentisches Image auch auf dem globalen Kaffeemarkt eine immer wichtigere Rolle, wie die jüngsten Übernahmen von Blue Bottle in den USA und Kicking Horse Coffee in Kanada zeigen. Beide begannen als kleine Startups und setzten in ihren Coffee Shops auf eigene Röstung, Individualität, Bio und Fairtrade. Sie wuchsen schnell und hatten dennoch lange jenes spezielle Image, das den Kaffeegiganten Nestlé und Lavazza zum Erreichen bestimmter Zielgruppen fehlte. Im schweizerischen Vervey und in Turin zückte man schließlich die Portemonnaies. Die wenig begeisterten Reaktionen vieler Blue Bottle- und Kicking Horse-Fans konnte man indes auf Twitter lesen. Sie fühlten sich verraten. Klar ist, dass auch die Marktambitionen unter den deutschen Mikroröstern unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Ein Konzept wie jenes der Pourista-Gründer ist weit entfernt von der Firmenphilosophie von Janssen Kaffee. Aber der Pluralismus scheint (noch) gut zu funktionieren im kleinen Biotop der klassischen Kaffeeröstkunst.

Auf rund fünf Prozent schätzt Enver Atabay, Gründer von Helder & Leeuwen und Vorsitzender der Deutschen Röstergilde, vorsichtig den gegenwärtigen Marktanteil der kleinen Spezialitätenröster in Deutschland. Auch wenn die Zahl noch überschaubar anmutet: Rund 800 lokale Röstereien gibt es mittlerweile schon wieder. Knapp 2.000 waren es schon mal vor den 60er und 70er Jahren, als die Konsumenten zu industriell und billiger produzierter Massenware abwanderten. Damit sich das nicht wiederholt, möchte die neue Generation der deutschen Mikroröstereien mit mehr Transparenz bei Handwerk und Qualität, aber auch brancheninterner Geschlossenheit überzeugen.



Mehr Erlebnis schafft mehr Begeisterung

So duftet es jetzt also bei KFE Die Rösterei in der ehemaligen Tankstelle an der Queichheimer Brücke in Landau in der Pfalz anstelle von Benzin nach frischem Kaffee und in Bad Dürkheim werden knapp 50 Jahre nach dem Ende der Dürkheimer Kaffeefabrik wieder Rohbohnen geknackt – in Annas Kaffeerösterei.



Wer von der „neuen Kaffeebewegung“ mal gepackt wurde, der kann darin ein wahres Hobby finden. In unzähligen Seminaren werden mittlerweile Kaffees und Blends studiert und verkostet und manch einer mausert sich nach Feierabend zum heimlichen Barista an der heimischen Siebträgermaschine. Im Netz türmen sich allerhand Blogs vor allem der Generation Y, also jener Kaffeefans, die im Zeitraum der frühen 80er bis frühen 2000er geboren wurden. Ihren Lieblingskaffees huldigen sie mit Humor und Sachverstand oder verfassen für die wachsende Kaffee-Community launige Anleitungen zur richtigen Handfiltration. Melitta Bentz als Mutter des Porzellanfilters hätte ihre wahre Freude daran gehabt.





Es geht bei all dem, was da mit den lokalen Röstern auf den Weg gebracht wurde, auch um eines: Spaß am Schmecken und Entdecken. Es ist alles andere als „kalter Kaffee“, wenn im Cold-Drip-Verfahren über mehrere Stunden aus Kaffeepulver tröpfchenweise Aromen und Öle extrahiert werden. Und was macht die Zapfanlage in einem Rösterei-Café? Ach, Nitro Cold Brew – ne, is’ klar. Nitro-Kaffee, das ist kalt aufgegossener Kaffee, der mit Stickstoff versetzt wird. Im Ergebnis hat er dann ein schönes Schaumkrönchen und sieht in etwa so aus wie ein dunkles Craftbier. Kaffee im Jahr 2018: Das ist so ein bisschen auch der neue Wein. Wein 2.0 sozusagen. Oder eben Coffee to stay.

Text und Fotos: Gilbhart / Jan Zeller & Daniel Wetzel

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