Story

The Wild Side

Es muss nicht immer die Pfalz sein. Der Odenwald ist voller Originale. Über Schönes und Schrulliges in diesem Naturparadies zwischen Rhein, Neckar und Main.

Da soll noch einer sagen, was gestern in der Zeitung stand, interessiere morgen keine Sau mehr. Petra Arnold wird bis heute auf einen Text angesprochen, der vor über vier Jahren im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien. Es war ein wütender Text, die Autorin Antonia Baum schrieb sich da ganz offensichtlich ein Trauma von der Seele, das ihr ihre Herkunft zugefügt hatte. Die Arme musste im Odenwald aufwachsen. Nein: in der „Odenwaldhölle“, im „Niemandsland zwischen Birkenau und Rimbach“. Petra Arnold, renommierte Fotografin, wuchs in Wald-Michelbach auf, und ganz offensichtlich hat sie kein Trauma davongetragen, denn sie lebt heute wieder dort. Sie sagt gelassen über ihre Jugend: „Die Hölle war es ganz sicher nicht. Aber es war auch nicht die Hölle los.“ Sie empfindet beim Gedanken an diesen grünhügeligen Landstrich zwischen Darmstadt und Heidelberg, Aschaffenburg und Heilbronn vor allem eins: das Gefühl von Heimat.

Auch sie ist erstmal weggegangen. Sie hat in San Francisco gelebt, „aber ich bin immer gern zurückgekommen, und je älter ich werde, desto mehr weiß ich die Natur und die Ruhe hier zu schätzen“, sagt sie. Im vergangenen Jahr hat sie begonnen, die Heimat neu zu entdecken, Orte zusammenzutragen, Odenwälder Originale zu portraitieren und die Vorzüge dieses Landstrichs zu preisen, um ein paar Perlen zum Glänzen zu bringen, von denen sie sagt: „Es ist doch schade, dass vieles, was von Mannheim und Heidelberg aus direkt vor der Haustür liegt, nur im Verborgenen blüht.“



Auf Natur umschalten fällt leicht. Nicht nur, wenn man im Funkloch sitzt.

Für Odenwald-Entdecker hat sie die Internet-Plattform „myodenwald.de“ gegründet. Es ist eine Fleißarbeit, die noch längst nicht abgeschlossen ist, denn, so die Fotografin: „Je tiefer ich in die Details einsteige, desto mehr Facetten entdecke ich. Es gibt den badischen, den hessischen und den unterfränkischen Odenwald. Aus allen Teilen will ich der Plattform immer neue Geschichten hinzufügen.“ Die Landschaften sind vielfältig: Die Bergstraße mit ihren Weinlagen im Westen gehört ebenso dazu wie im Süden das Neckartal, im Osten begrenzt ihn das Maintal und im Norden reicht er fast bis Darmstadt. Dazwischen finden sich kleine Dörfer, ein paar schmucke Städtchen, vor allem aber eine sehenswerte Natur- und Kulturlandschaft auf 2.500 Quadratkilometern.


Diese Vielfalt ist vermutlich auch einer der Gründe, warum der Odenwald nicht so zentral und konsequent vermarktet wird wie andere reizvolle Landstriche – allen voran die benachbarte Pfalz. Zumal auch das große Gemeinsame fehlt. Die vom Weinbau geprägten Kommunen und Kreise linksseits des Rheins einigten sich auf das eingängige „Zum Wohl die Pfalz“.Anders im Odenwald: Eine Kampagne warb mal mit dem Wort „echt“, heute steht im Logo der Odenwald Tourismus GmbH neben einem Ein- und Ausschaltknopf „Auf Natur umschalten“. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man zwar vielerorts im ultraschnellen Glasfaser-Netz surfen kann, mit seinem Handy in Lindenfels, Mörlenbach oder Ober-Liebersbach aber immer wieder mal im Funkloch sitzt. Der „Überwald“ – für Nicht-Eingeweihte: die Gemeinden Abtsteinach, Grasellenbach und Wald-Michelbach – wirbt da lieber mit „zaubert ein Lächeln“.

Was zweifellos richtig ist bei weiten Ausblicken über grüne Hügel und saftige Weiden, auf denen Bisons grasen. Bisons? Tatsächlich: In Birkenau-Löhrbach hat Dr. Matthias Berg die wilde Rinderrasse angesiedelt, als er vor einigen Jahren sein Elternhaus sanierte – den über 300 Jahre alten Lammershof. Heute ist aus dem landwirtschaftlichen Gehöft ein schmuckes Landhotel geworden, das Tagungsgäste ebenso anzieht wie Ausflügler und Wochenendurlauber und Brautpaaren eine malerische Kulisse für ihren großen Tag liefert.

Bisonherden und ein Sternekoch aus Frankreich

Auch Berg blickt auf seine Kindheit „am Tor zur Odenwaldhölle“, wie er schmunzelnd sagt, dankbar zurück. Nach dem Studium der Ingenieurswissenschaften hat er lange im Ausland gearbeitet. Riesige Kunststoffplanen schützten in diesen Jahrzehnten das Anwesen seiner Vorfahren vor dem Verfall, denn: „Mein Ziel war immer, irgendwann zurückzukommen und hier zu leben. Die Voraussetzungen waren aber, die notwendigen finanziellen Mittel zu haben und eine Partnerin, die diesen Weg mit mir geht.“ Gemeinsam mit Ehefrau Darina hat Berg das Konzept für das Hotel und die Nutzung der Ländereien ersonnen. Und da kamen die Bisons ins Spiel: Es sollten Tiere sein, die robust sind und keine Stallungen brauchen, dabei aber schmackhaftes Fleisch für die beiden Restaurants Wildberg und Stuben liefern – die kräftigen Tiere sind schnell heimisch geworden, ebenso wie die schottischen Galloway-Rinder, die mit dem Rotwild den Bestand ergänzen und das Fleisch liefern, das in der hauseigenen Manufaktur verarbeitet wird.

Auf die Teller bringt es Küchenchef Axel Wagner. Nach einem halben Jahr am Lammershof hat der gebürtige Franke längst Freundschaft mit der neuen Umgebung geschlossen. „Wir fühlen uns sehr wohl hier“, spricht er auch für seine japanische Ehefrau und den neunjährigen Sohn. Davor hatte er 27 Jahre lang in Frankreich gearbeitet, in Straßburg, Lyon und an der Côte d’Azur, wo er im „Château Eza“ acht Jahre lang einen Stern hielt. 2017 zog er mit Frau und Sohn auf die Insel Sylt, von wo ihn Matthias Berg in den Odenwald locken konnte.



Ungeschminkt und geradeaus

Côte d’Azur, Sylt – und jetzt Odenwald? Das klingt nach einem Kulturschock, doch Wagner sagt: „Das Leben an der Côte d’Azur ist wundervoll, aber auch ein bisschen …“, er sucht nach dem deutschen Wort und findet ein französisches: „superficiel“. Oberflächlich? „Genau.“ Die Landschaft, von der ihm der Gastronomieberater Stefan Binz schon vorgeschwärmt hatte, habe ihn sofort zum Fan gemacht, und auch den Menschenschlag möge er sehr. Warum? Er überlegt ein bisschen und entscheidet sich dann, die Sache in zwei Worten auf den Punkt zu bringen: „Weniger Make-up.“ Ungeschminkt und geradeaus, so sehen sich auch die Odenwälder selbst. „Wir sind eine Schaffer-Region“, sagt Dennis Krupp. Allerdings darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen, daher hat Krupp vor drei Jahren im Reichelsheimer Ortsteil Gersprenz mit ein paar Kumpels den Mofa-Klubb Smoking Turtles Gersprenztal gegründet – ein alles andere als gewöhnlicher Club, wie die eigenwillige Schreibweise schon signalisiert. Gemeinsam durch die Gegend brettern, an alten Mofas und Mopeds schrauben und dabei babbeln und Bier trinken – darauf fahren inzwischen rund 50 Mitglieder ab.


Auch alte Traditionen werden im Odenwald noch gehegt und gepflegt. In Beerfurth, das auch zur Gemeinde Reichelsheim gehört, lebt der letzte Odenwälder Gäulschesmacher: Norbert Boos, der vor rund 20 Jahren seinen Job als Computerspezialist drangab, um Holzspielzeugmacher zu werden. Als einziger stellt er noch die Original Odenwälder Schaukelpferde her – aus Kiefern-, Buchen- und Pappelholz, das er, ganz in der Nachfolge von Schwiegervater Philipp Adam Krämer und dessen Ahnen, auf einer riesigen Gattersäge aus dem Jahr 1938 zerkleinert. Bis heute ist jeder Schritt Handarbeit, und eine alte Musterkiste von Urgroßvater Adam Schäfer entpuppte sich als wahrer Schatz: Aus den dort gefundenen Köpfen, Körpern und Beinen entwickelte Boos seine „Sammlerpferde“, die die traditionellen Gäulschen ergänzen. Eine andere Reichelsheimer Attraktion sind die Odenwald-Alpakas von Willi Keil. Vor zehn Jahren siedelte der Tierfreund drei trächtige Alpaka-Stuten auf seinem Obstbaumgrundstück an – als Mäh-Hilfen für seine Heidschnucken. Mittlerweile ist seine Herde auf 30 zum Teil preisgekrönte Tiere angewachsen. Besuche der Herde sind allerdings nur nach Voranmeldung möglich, um die sanftmütigen Stuten nicht über Gebühr zu stören.





An die Auenlandschaft aus „Herr der Ringe“ erinnert die Gegend um den Marbach-Stausee zwischen Erbach, Beerfelden und Mossautal. Übers Jahr herrscht hier himmlische Ruhe, die Spaziergänger und Angler genießen. Nur einmal im Jahr wird es laut – bei „The Sound of the Forest“, einem Festival für „open minded people“, die vom 2. bis 5. August zum zehnten Mal gemeinsam Musik hören, tanzen und campen werden. Das Line-up kann sich sehen lassen: Von wegen Lisbeth, Joris, Wallis Bird und Amber Run spielen beim kleinen Jubiläum, auf das die Gründer, drei Odenwälder Brüder, stolz sein können – schließlich haben Fritz, Max und Karl Krings nicht nur eins der außergewöhnlichsten Open-Air-Events Deutschlands geschaffen, sondern sehen ihren Auftrag auch in der Kulturförderung – um junge Odenwälder in der Region zu halten. Daraus entstanden ist die Kreativschmiede „Peripherique“ mit Sitz in Bad König.

Unterholz, zwei wilde Hirsche und süffiges Bier

„Vor einigen Jahren entstand dann die Idee zu einem Signature Drink für das Festival“, blickt Johannes Megow, bei Peripherique zuständig für Marketing und Events, auf die Geschichte zurück. Typisch für den Odenwald mit seinen Streuobstwiesen, unverwechselbar und grün sollte es ein und nach dem König des Waldes benannt werden – der „Wilde Hirsch“ wurde geboren, ein leicht alkoholhaltiges Getränk aus Apfelwein, Maracuja- und Zitronensaft. Nicht alles lief am Anfang wie geplant: Mal war schon am ersten Abend alles ausverkauft, mal mischten zu viele Festivalbesucher den Hirsch mit zu viel Wodka und Megow findet: „Ist doch schade, wenn dann alle schlafend im Zelt liegen und nichts mehr von den Bands mitkriegen.“ In den FAQs, die die Festivalmacher auf ihrer Website beantworten, steht seitdem auch der schöne Satz: „Hier appellieren wir an eure Vernunft: Alkoholisiert schwimmen gehen ist verdammt dumm und vor allem lebensgefährlich!“ Nicht nur die Organisation des Festivals ist Jahr für Jahr professionalisiert worden. Auch der Wilde Hirsch wird nun der Nachfrage angemessen in einer ortsansässigen Kelterei abgefüllt und längst nicht mehr nur im Odenwald getrunken, sondern auch in Berlin. Und er hat einen hochprozentigen Gefährten bekommen: den Unterholz-Gin, benannt nach dem legendären Musikclub in Michelstadt.

Auch für Dominik Oertel ist der Odenwald Kult – auch wenn er einer von den Zugezogenen ist, die hier schnell heimisch wurden. In Pfungstadt hat er Brauer gelernt und 2017 angefangen, sein eigenes Bier zu brauen – in Brensbach, der Heimat seiner Partnerin. Mitten im Ort hat er eine frühere Bäckerei zur Braumanufaktur umfunktioniert und braut ein süffiges naturtrübes Kellerbier. Immer samstags öffnet er den Verkaufsraum, geordert wird in Literflaschen mit Bügel oder in Fässern – drunter macht er’s nicht. Eigentlich sollte sein Bier ja „Dommels“ heißen, nach seinem Spitznamen – aber ein internationaler Brauereigigant witterte die Konkurrenz aus dem Odenwald. „Eigentlich lustig“, sagt Oertel und entschied sich für den Namen „Reffes“ – weil er gerade an der Straße „In der Reffe“ in Brensbach vorbeilief und Reff ja einige Bedeutungen hat und neugierig macht. Im Winter will er beim Brensbacher Weihnachtsmarkt wieder Glühbier ausschenken. „Das ist nicht einfach heiß gemachtes Bier, sondern fein abgestimmt mit Gewürzen, schmeckt echt gut“, versichert er und kontert ungläubige Blicke mit einem trockenen: „Glaubt ihr nicht? Willkommen im Odenwald!“

Text: Ute Maag | Fotos: Petra Arnold

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